
Minetti
Schauspiel - Theater am Kirchplatz Schaan, Liechtenstein
von Thomas Bernhard
Tournee: 12.04.2010 - 25.04.2010
Inszenierung: Hajo Kurzenberger
mit: Joachim Bliese als "Minetti"
und: 2 weiteren Darstellern
Zum Inhalt
Minetti war der Inbegriff des Schauspielers schlechthin. Er hatte alle großen Rollen der Klassik gespielt. Er war der einzige Schauspieler, der in den Augen des österreichischen Autors Thomas Bernhard Gnade fand. Bernhard bewunderte ihn dermaßen, dass er Minetti 1977 ein gleichnamiges Stück auf den Leib schrieb. Ein Monolog, eine Abrechnung mit dem Theater, seinem Publikum und unserer Gesellschaft. "Das Leben ist eine Posse, die der Intelligente Existenz nennt".
Bernhards "Konsequentismus" wird in diesem Stück durch die Figur des alten "Bühnensensibilisten" und "Geisteskünstlers" Minetti personifiziert. Dieser trifft am Silvesterabend in einem Hotel in Oostende zu einer Verabredung mit dem Flensburger Schauspieldirektor ein, der ihn als Lear zu verpflichten beabsichtigt. Seit 30 Jahren lebt Minetti in freiwilliger "Einzelhaft" bei seiner Schwester in Dinkelsbühl, ganz dem Studium der Shakespeareschen Rolle hingegeben, nachdem er als Theaterdirektor wegen seiner Weigerung, Klassiker zu spielen, von der Stadt Lübeck in einem Prozess seines Amtes enthoben worden war.
Während er in der Hotelhalle wartet, monologisiert Minetti in Anwesenheit einer still vor sich hin trinkenden Dame, hin und wieder irritiert durch lärmende Maskierte, über seine Berufsauffassung und sein Schicksal. Er spricht von der Angst, den Text zu verlieren und seiner künstlerischen Erschöpfung.
Wie in anderen seiner Künstlerdramen zeigt Bernhard die Auflehnung des radikalen Künstlers, der "Kopfexistenz", gegen die todbringende Natur und geistfeindliche Gesellschaft, aber auch seine reale Ohnmacht.
C.F., in: Knaurs großer Schauspielführer
Das 'Künstlerdrama' Minetti
Thomas Bernhard hat seinem Stück "Minetti" den Untertitel gegeben: "Ein Portrait des Künstlers als alter Mann". "Minetti" ist in der Tat das, was man früher ein Künstlerdrama genannt hätte, ist das Portrait eines alten Bühnenkünstlers, kein biographisches des Schauspielers Bernhard Minetti, der das Stück unter Peymanns Regie gespielt und uraufgeführt hat. Bernhards "Minetti" ist eine Kunstund Sprechfigur, die über sich, die Schauspielkunst und ihr Publikum redet und nachdenkt, palavert und lamentiert, klagt und Witze reißt auf eigentümlich skurrile Weise, in Schleifen der Wiederholung und unbewiesenen Behauptungen. Ort dieses Rededramas ist ein heruntergekommenes Hotel in Oostende, wo der alte Schauspieler auf einen Schauspieldirektor aus Flensburg wartet, bei dem er angeblich als letzte Rolle Shakespeares Lear spielen soll.
Wie immer bei Thomas Bernards Dramen ist das Stück ein gigantischer Monolog, aufgeteilt in Rede- und Schweigerollen. Zuerst lauschen eine Dame, dann ein junges Mädchen gelangweilt und später zunehmend interessiert und berührt dem Größen- und Verfolgungswahn des Zauber- und Bühnenkünstlers Minetti. "Minetti ist das Beweisstück für Bernhards Ästhetik des Beschwerdebuchs" schrieb der Theaterkritiker Georg Hensel anlässlich der Uraufführung. "Minetti" ist aber auch das Libretto für einen Schauspiel- und prechvirtuosen. Nicht zuletzt deshalb lohnt seine Wiederentdeckung.
Hajo Kurzenberger